Text von Max Rüdlinger über Carlo E. Lischetti

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Carlo Eduardo Lischetti

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Der grosse Künstler fängt in aller Regel als Bürgerschreck an. Damit versucht er zu beweisen, dass er anders als andere und kein Langweiler ist. Gelingt es ihm, sich so in Szene zu setzen, dann interessieren sich die so genannten Kunstvermittler, als da sind Galeristen, Kritiker, Akademiker, Kuratoren etc. für ihn. Deren Aufgabe besteht nun darin, dem erschreckten Bürger zu vermitteln, dass es sich bei dem Andersartigen um einen Künstler und bei seinen Verrücktheiten um Kunst handelt. Wenn diese Vermittlung gelingt und der Bürger sich genügend versichert fühlt, dass es sich bei den vorliegenden bildnerischen Produkten nicht um Schwachsinn, sondern um ewige Werte und eine Kapitalanlage handelt, dann kauft er. Und wenn der Bürger kauft, hat sich der Kreis geschlossen, und alle sind glücklich. Der Bürger ist gegen seinen Schrecken angekommen und hat sich als ein Mann von Welt bewiesen. Der Schröckliche, hängt den Wolfspelz an den Nagel und lässt seine wahre Künstlernatur erstrahlen, und die Vermittler reiben sich die Hände und zählen die Moneten, während unsereins, das Publikum, die Kunstlaien, nur staunen.

Carlo ist fulminant als Bürgerschreck gestartet und hat sich solcherart als grosser Künstler empfohlen. Eigenartigerweise, sozusagen als Freak (engl. Laune, Grille, drolliger Einfall, Monstrum) des vorgängig beschriebenen Künstlerbildungsprozesses ist er jedoch ein Bürgerschreck geblieben.
Wie hat es dazu kommen können? Natürlich kann der Künstlerbildungsprozess misslingen. Schon aus manchem Bürgerschreck ist bloss ein Bürger geworden. Im Falle von Carlo aber ist besagter Bildungsprozess nicht eigentlich misslungen, sondern steckengeblieben.
Das Problematische daran ist, dass «Bürgerschreck» eine Entwicklungsphase und kein Beruf ist, oder deutlicher ausgedrückt, dass man damit kein Geld verdienen kann.

Wie nur war Carlo in dieses Abseits geraten? Hat sich die Kunstvermittlung nicht für ihn interessiert, obwohl er doch so andersartig und eigen wie kaum einer ist, oder hat er sich ihr verweigert?
Carlo E. Lischetti, schon das Mittelinitial weist ihn untrüglich als solchen aus, war ein Primarschüler durch und durch, wobei hier «Primarschüler» nicht als schulstufenhierarchische Diskriminierung, sondern als Wesensmerkmal gemeint ist. Das Wesen des als Primeler Verbliebenen besteht in seiner Unangepasstheit, seinem Schmuddelkindertum. Er verweigert sich dem Schnickschnack einer rücksichtsvoll-egoistischen Sozialpersönlichkeit, die, pointiert gesagt, in einer Anhäufung «schöner» Worthülsen besteht, zugunsten einer weniger anständigen, schnudernasigeren, dafür aber realeren Geradeaus-Essenz.
Daraus ergibt sich eine Sprachbarriere, die dafür verantwortlich ist, dass Carlo selten bis nie mit den Maturierten der Kunstvermittlung ins Geschäft gekommen ist. Als Primarschüler hat er sich nie in das Metier des Worthülsen-Scharmützels eingeübt, welches dem Maturierten doch erst so richtig das Herz und die Existenz erwärmt, gar nicht zu reden von dem Wortgeschiebe der Party- und Vernissagen-Gänger und den Wortbreitseiten der Kunstapologeten und Kritiker.
Verhandlungen mit Kunstvermittlern hat Carlo eher früher als später mit urig-sinnlichem Voodoo-Terror torpediert: Trommeln – die Kommunikationsform der Primarschüler-Essenz.
Kann einer ein grosser Künstler sein, wenn er es sich mit allen verdirbt? Wohl nur posthum, denn es sind doch letztendlich die andern, die den Künstler zum Künstler machen.
Carlo war einer der begabtesten Menschen, die ich kenne, die es zu nichts gebracht haben. Zu nichts haben bringen wollen, wie ich zu behaupten wage. Denn Carlo war auch – und vielleicht in erster Linie – Philosoph. Philosoph nicht im akademischen Sinne von einem der viel gelesen hat, sondern im eigentlichen, d.h. praktischen Sinne eines Diogenes in der Tonne, zum Beispiel.

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Carlo war ein Narr, ein Schalk, ein Aufrührer, ein Verstörer, ein Bürgerschreck und hat sich dann selbst so erschrocken – zu Tode erschrocken.
Was ihn dermassen erschrocken hat, war der Tod, der Tod von Barbara.
Innerhalb von sieben Wochen ist sie von einem Krebs zerfressen worden, den man zu Zeiten den «Schwarzen» genannt hat.
Carlo war ein Verrückter, nicht im pathologischen Sinne, sondern weil er in sich so gegensätzliche Seiten unter einen Hut zu bringen hatte. Er war Anarchist und Spiesser, Prolet und Künstler, Ekstatiker und «Jammeri», Familienvater und Bohemien, ein Mönch und ein Süffel, ein Durchblicker, Gross- und Lautsprecher und ein verzagtes Kind, ein Gottesverflucher und ein im Grunde Gläubiger, der sich staunend in das Mysterium des Lebens zu versenken wusste wie kaum einer.
Carlo war ein Mensch ohne Falsch. Er war – was bei Städtern selten ist – ganz in seiner Essenz, unverbogen und unverbildet, im Grunde genommen ein grosses Kind. Das war das Mühsame und zugleich Grossartige an ihm.
Mit Essenz meine ich das, mit dem wir geboren werden, der Typus, unsere charakterliche Grundausstattung. Dieser Essenz wird aber in aller Regel wenig Raum gegeben. Schon im Alter von drei, vier Jahren legt sich darum, wie Rinde um den Stamm, ein Mantel an sozialem Know How und erstickt diesen Kern in der Folge nur zu oft. Die Undurchlässigkeit dieses Sozial-Panzers lässt die Essenz nicht mehr atmen, und so erfährt diese auch keine Bildung.
Die soziale Persönlichkeit hingegen ist der Mensch, der sich in der Gesellschaft zu bewegen weiss, der all die Gebote und Verbote – «du sollst» und «man darf nicht» – in einem Masse verinnerlicht hat, dass er ohne Ecken und Kanten – ohne aufzufallen und anzustossen, aber auch ohne Spuren zu hinterlassen – rund wie ein Ball von der Wiege bis zur Bahre durch das soziale Gefüge kullern kann.
Bei Carlo war die Ausbildung der Sozial-Persönlichkeit nicht in einem Masse erfolgreich, dass ihn dies zu einem Sozial-Automaten gemacht hätte, der ebenso fraglos wie frisch deodoriert von morgens acht bis abends fünf dem goldenen Kalb nachgejagt wäre, um sich dann von gutbürgerlichen Zerstreuungen noch vollends, das heisst bis zur Unkenntlichkeit, zerstreuen zu lassen.
Carlo Eduardo – das grosse Kind – war eigenwillig und bedürftig, egoistisch und warmherzig, ein Philosoph ohne einen Schimmer von Philosophie, ein Krawallant, ein Trommler, ein Monster, das einem den letzten Nerv ausriss, und ein Schatz, der anhänglich war und doch seine eigenen Wege ging, quengelnd, stämpfelnd, täubelnd und doch auch gelassen wie ein Walderemit, der das Staunen nicht verlernt hatte, einem aber nicht für fünf Rappen zuhören mochte, der kam und ging, wann er wollte, aber doch auf eine feste Struktur angewiesen war.
Und diese seine Essenz legte er oft und gerne in Alkohol ein, um sie zu konservieren.
Carlo war in seiner Essenz, und das machte ihn zum Künstler: der direkte Zugang zu den Dingen, der staunende Blick darauf, ein Verständnis der Welt, die – nicht von Analytik paralysiert und zu Tode seziert – viele Möglichkeiten offen liess.
Künstler sein war für Carlo ein Way of Life. Hatte er ihn oder nicht vielmehr dieser ihn gewählt? Carlo konnte gar nicht anders. Es war sein Leben, seine Berufung.
Der soziale Aspekt des Künstlertums hat ihm wenig bis nichts bedeutet. Eine Kunstszene existierte für ihn kaum, der Markt schon gar nicht. Ich mag mich nicht erinnern, bei ihm je eine Kunstzeitschrift gesehen zu haben. Er brauchte sich als Künstler nicht durchzusetzen. Er war Künstler und fertig. Ob nun ein Lokalmatador oder schweizweit gefeiert, das war für ihn nicht vorrangig. Ob er in einem Museum hing oder an einer Biennale dabei war, damit war er kaum befasst. Aber da, wo er war, in Bern, da war er – und wie. Unübersehbar mit seinen treuherzigen bis glarigen Basset-Augen und – dies vor allem – unüberhörbar, wenn er vom Alkohol befeuert der Welt – das heisst Bern und den Bernern – vorhielt, was Sache ist. Und wenn sie es nicht begreifen wollten, bleute und hämmerte er es ihnen mit seinen Trommelschlegeln ein, die auch Löffel, oder Stecken oder irgendwas sein konnten.
Dass Carlo nicht viel mit der Kunstszene am Hute hatte, heisst aber nicht, dass er asozial war. Ganz und gar nicht. Er war ja auch Familienvater, einer, der einkaufte, kochte, putzte, zu den Kindern schaute, den die Familienfabrik – der tägliche Trott – zuweilen aber auch arg angurkte.
Er konnte ausserdem vor dem Fernseher über das Elend der Welt weinen und sich den Kopf ausstudieren, wie ihr zu helfen wäre. Nicht umsonst war er ja auch Sozialdemokrat.

Einmal drehten wir zusammen ein Hunger-Video. Er baute eine Einrichtung, in welcher ich auf einem TV-Monitor erschien und einen Hungrigen zu mimen hatte, während er versuchte mich durch die Scheibe hindurch mit Birchermüesli zu füttern, was selbstredend nicht gelingen konnte. Eine tolle Umsetzung von Nähe und Ferne des medial vermittelten Elends und unserer Ohnmacht diesem gegenüber. Das Video war vielleicht anderthalb oder zwei Minuten lang. Dann erfuhr ich zufällig, dass es in Sao Paolo ein One-Minute-Festival gab. Ich schlug vor, dass wir dieses doch beschicken könnten. Unser Video auf eine Minute zu komprimieren war keine Kunst. Wir machten uns an die Arbeit. Carlo war jedoch nur noch halbherzig dabei. So wurde nichts aus unserem Festivalauftritt, und reich und berühmt wurden wir auch nicht. Es interessierte Carlo einfach nicht.
Früher, als wir noch jünger waren, haben wir oft nächtelang darüber diskutiert, wie wir zu Geld kommen könnten. Wir hatten viele Ideen. Aber gemacht haben wir – ausser zwei, drei kurzen Videos – nie was.
Carlo war ein Erfolgsverweigerer. Um Erfolge hat er sich nicht nur nicht gekümmert, er hat solche bisweilen gar aktiv hintertrieben. Mehr als einmal musste ich erleben, wie ein gut betuchter Bürger willens war, für ein Bild oder ein Objekt von ihm in den Säckel zu greifen, und Carlo diesen dann als Spiesser beschimpfte und ihm auch noch andere Invektiven anhängte, so dass diesem beim besten Willen nichts anderes übrig blieb, als auf den Handel zu verzichten.
Carlo war so sehr Künstler, so sehr sein Beruf, dass er nie auch nur im Geringsten auf die Idee gekommen wäre, dass er diesen wechseln könnte oder müsste – zum Beispiel wenn das Geschäft ganz und gar nicht lief – dass er sich dann zum Behufe des Geldverdienens vielleicht beim SBB-Gepäckaufbewahrungsdienst melden müsste, oder dass es angesagt sein könnte, gar in seinen angestammten Beruf als Schaufensterdekorateur zurückzukehren.

Carlo war insofern ein sozialer Künstler, als einige seiner Werke im öffentlichen Raum zugänglich sind, die Münster-Plattform auf der Münsterplattform, der Carlo E. Lischetti-Weg, sein besteigbarer Altstadtbrunnen etc. Da gehören meiner Meinung nach Werke zeitgenössischer Künstler auch hin und nicht etwa ins Museum. In Museen sollen erklärungsbedürftige Artefakte vergangener Epochen ausgestellt werden, deren Bedeutung sich uns nicht ohne gelehrte Hilfe erhellt, aber doch nicht die Werke lebender Künstler! Die sollen sich dort bewähren, wo unsereins ist, beim Bahnhof, in den Gassen, auf der Münsterplattform oder an der Universität.
Auch als Aktionskünstler wirkte Carlo in der Oeffentlichkeit. Wenn er als Trommler, Voodoopriester oder auch nur als ordinärer Saufkopp um die Häuser zog und den Wüterich im «plumete Trögli» markierte, dann zeigte er dem behäbigen Bern das Prekäre auch der solidesten Solidität auf. Das hatte eine psychohygienische Funktion.
Was mir immer ein Rätsel war, dass er danach nicht von Gewissensbissen zerfressen wurde. Denn wenn ich im Rausch meine Klappe aufreisse und mich zur In-die-Weltsetzung-von-Wahrheiten bemüssigt fühle, habe ich stets noch Wochen danach daran zu beissen. Das war bei Carlo, so weit ich sehen konnte, nicht der Fall. Auch das zeigt, dass der Mann in seiner Essenz war.

Ich war kein Busenfreund von Carlo. Er ging mir oft ziemlich auf den Wecker. Und doch waren wir irgendwie verbandelt. Ich bin ja kein Künstler, mehr im interpretierenden Fach tätig und vermochte nur bei alkoholisch befeuerten Verbal-Exzessen mitzuhalten. Die kampfalkoholischen von Carlo waren mir schlicht und einfach zu anstrengend. Er hat zwar auch viel über Nachwirkungen gejammert, aber ab und an hatte es auch eine gewisse Grazie, wie er diese als integralen Part der Ekstase ertrug. So wie Sportler Adduktorenbeschwerden, Bänderrisse und Achillessehnenverletzungen unumgänglich als Teil ihrer Berufung hinnehmen.
Und dann wollte Carlo immer dumm tun, das war und ist mir bis jetzt verschlossen. Ich wollte immer gescheit tun. Das kommt daher, weil ich in der ersten Klasse einer der letzten war, die mit dem ABC zu Rande kamen. Meine Mutter weinte deswegen gar einmal, so dass ich daraus folgerte, es müsse wohl wichtig sein, gescheit zu tun, und so eine entsprechende Sozialpersönlichkeit entwickelte.
Da war er weiter, freier. Er suchte da wohl auch etwas auf, das mehr als blosse Konvention war, etwas Genuines, Transzendentes, während ich auch im fortgeschrittenen Alter immer noch genügen und brillieren will – um geliebt zu werden.

In meiner Essenz bin ich Motoriker, Hypermotoriker. Ich habe mein Heil immer in der Bewegung gesucht – bei grossen Krisen in weiten Fahrten – und damit war ich bei Carlo am absolut Falschen. Der wollte nie irgendwohin. Wie Carlo als Stipendiat nach Mastricht gekommen ist, ist mir ein Rätsel. Als junger Spund will er im Mai 68 in Paris gewesen sein. Und späterhin kann ich mich nur daran erinnern, dass er mal in München war. Wenn er irgendwo hin sollte, zum Beispiel mit der Familie in die Ferien, was waren das immer für Dramen! Einmal wollte er mit verbundenen Augen nach New York fliegen und wieder zurück. Und wenn alle Welt nach New York wollte, Carlo Eduardo Lischetti war nicht alle Welt, sondern seine eigene, und die hätte man nur in einer Speditionskiste über den Atlantik gebracht. Und wenn es dann doch mal gelang, ihn irgendwohin zu verfrachten, haute er sicher bei der erstbesten Gelegenheit wieder ab.
Er hatte auch seine Ängste. In Hotels will er immer ein Seil mitgenommen haben, um sich im Falle eines Brandes abseilen zu können.
Die Ferne zog ihn nicht an. Er in Bern, das war ihm Sensation genug. Schliesslich war er von Brugg. Dort war er in die Primarschule gegangen und hatte bei den Kadetten trommeln gelernt. Und in Brugg, da hatte er Radball gespielt.
In ihm und um ihn herum war genug in Bewegung. Er war kein Freund von Veränderungen.

4

Und dann brach d i e Radikal-Veränderung über ihn herein. Darauf war er nicht vorbereitet. Auch als Künstler, als Philosoph, als Zen-Buddhist, als einer, der schon von jedem Dreck einen Schleck gekostet hat, nicht. Darauf ist niemand vorbereitet.
Man kann s o viel wissen, auch dass Leben Sterben heisst, dass der Tod banal, eine Notwendigkeit der natürlichen Ordnung ist, da von nichts und niemand überliefert ist, dass er, sie oder es nicht vergangen oder gestorben wäre. Wenn der Tod einen unserer Nächsten trifft, dann ist er alles andere als banal, dann ist er immer ausserordentlich. Der Tod, der jemand trifft, der uns nahesteht und den wir lieben, ist immer der erste Tod (Ionescu), ein sich immer wieder erneuerndes Mirakel – ähnlich der Geburt, aber als Abgang ein Schreckens-Mirakel des Abgrundes.
Sterben tun ja immer die anderen. Nicht wir und unsere Nächsten. Unsern Tod zu denken, ist wie unseren Ellenbogen zu küssen, ein Ding der Unmöglichkeit. Und wenn der Tod, dieser unerbittliche Schnitter, in unseren engsten Kreis eindringt, dann realisieren wir, dass wir wie die andern sind, ja, möglicherweise gar, dass wir die andern sind.
Der Tod – das grosse Paradox an Banalität und schrecklichem Wunder – traf Carlo als konkrete und gefühlsmässige Erkenntnis, die sich leidenschaftlich und intensiv ins Bewusstsein bringt und uns wissen lässt, was wir bereits vorher wussten, ohne es zu begreifen (Vladimir Jankélévitch), mit seiner ganzen Wucht.
Wir können die unerhörte und niederschmetternde Wirkung des Todes nicht ermessen, bis wir ihn selber konkret und gefühlsmässig in unserer nächsten Umgebung erfahren haben.
Carlo realisierte, dass der Tod stattfindet. Er realisierte dessen Ernst und entdeckte unvermittelt eine verkannte Tiefe, die ihn, den Ungläubigen, taumeln liess.
Er hat sich in seinem Leben über vieles mit Leichtigkeit, mit einem Fingerschnippen hinweggesetzt, doch der Tod seiner Barbara haute ihn um. Dies war seine persönliche Flutwelle, sein innerweltlicher Bergsturz.

Wie verbunden er dieser Frau und wie abhängig er von ihr war, hat vielleicht nur Barbara realisiert. Sie war mehr als einmal nahe daran, ihn rauszuwerfen. Ich habe ihr immer geraten, es zu tun, es sei für ihn die einzige Chance, auf seine eigenen Beine zu stehen zu kommen. Barbara hat es nie getan. Und Carlo hat möglicherweise das ganze Ausmass seiner Verbindung zu Barbara erst realisiert, als sie nicht mehr da war.
Innerhalb kürzester Zeit war sie vom Erdboden verschwunden. Wohin, wer weiss das schon?
Es gibt keinen grösseren Schock als diesen.
Und Carlo war sensibel genug, um diesen Schock in seiner ganzen Wucht zu empfinden. Er lehnte sich dagegen auf. Er denunzierte diesen Tod als einen Skandal, eine Absurdität, als eine bodenlose Ungerechtigkeit. Doch alle Auflehnung und alle Tränen stiessen an nichts als an eine kahle, leere, unerbittliche Wand.
Der Tod gehört dem Leben wie auch einer ganz anderen Ordnung an. Das ist das Paradoxe an ihm.

Damit konnte sich Carlo als agnostischer Mystiker des Lebens nicht aussöhnen. Der Tod, der Tod von Barbara, liess seinen ganzen Glauben an das Leben einstürzen. Den Zen-Buddhismus fasste er – wie das viele tun – nihilistisch auf. Solange er die Formel von der Leere für seine Kunst verwertete, war das auch nicht weiter tragisch. Als aber der Tod Barbara aus dem Leben riss und diese grosse Leere hinterliess, war Carlo für den Nihilismus – alles ist leer – den er früher nicht müde wurde, einem um die Ohren zu schlagen, schliesslich doch bei weitem zu wenig abgebrüht.

Wenn alles leer ist, kann man meiner Meinung nach genau so gut sagen, alles ist Fülle, nämlich durchdrungen von dem Nicht-Wahrnehmbaren, dem Numinosen. Das Zellulare ist durchdrungen von der Leere, das heisst, durchdrungen von Molekülen, Elektronen und nicht wahrnehmbaren Subpartikeln, dem unfassbar Wirklichen, dem Geistigen, das diese Welt der Erscheinung konstituiert. Das wissen wir. Aber haben wir es je erfahren? Vielleicht sollten wir gerade dies versuchen, um unserem Nihilismus beizukommen.
Auch die Kunst, für die Carlo gelebt hat, war ihm in dieser Krise kein Halt mehr. Gegenüber dem Tod erschien sie als blosse Ornamentik, was sie oft – vor allem heute – weitgehend auch ist.
Ausgezehrt von der Trauer und dem Schmerz, von den vielen Tränen, die nicht versiegen wollten, auch von Selbstvorwürfen, den Kindern nicht der Vater sein zu können, den sie in ihrer schwierigen Situation gebraucht hätten, begann er sich wohl bis hin zu seiner geistigen Erkrankung zu hintersinnen.
Da war der Schritt, die dünne Membran zwischen Dies- und Jenseits, die der Tod darstellt, zu durchstossen, verlockend. Ihm, der Veränderungen so abgeneigt war, war auf einmal dieser radikale Schritt der nächstliegende, und so erschoss er sich.
Ich habe mit Carlo einige Male über Selbstmord geredet. Er hat diese Möglichkeit letztlich immer ausgeschlossen. Ich habe mich stets mehr als skeptisch geäussert. Ich kann einfach nicht glauben, was mir viele nahe legen wollen, dass wir Menschen nur so in die Höhe geschossene Pilze sein sollen, die dann verschrumpeln und schliesslich zerbröseln, einfach weil wir durch den Tod so radikal von der Bildfläche verschwinden.

Radikal von der zellularen Bildfläche verschwinden, das tun wir zweifelsohne, aber lösen wir uns damit auch in unserem geistigen – molekularen, elektronischen, subatomaren – Kern auf?
Das wäre zu schön.
Ein Leben zu leben, völlig frei von jeglichen Konsequenzen?
Ich bin überzeugt, dass alles viel einfacher ist, als wir es uns vorstellen. Aber s o einfach dann doch nicht. Die Aussage, dass nach dem Tode nichts mehr sei, gibt sich zwar lässig aufgeklärt, in meinem Verständnis aber ist sie nichts als eine denkfaul-kindische Wunschvorstellung, welche übrigens auch der Grund der ganzen Misere und Degeneration ist, in welcher unsere Welt steckt.
Wo kommen wir denn her, etwa auch aus dem Nichts? Dieses Nichts muss aber ganz schön einen drauf haben, einfach so eine imaginäre Welt mit uns Menschen aus dem Hute zu zaubern und wieder verschwinden zu lassen!
Sich selber auszulöschen ist ja in aller Regel keine Loslösung vom Leben. Auch wenn es auf der zellularen Ebene diesen Anschein macht. Im Gegenteil: Die Aggressivität und Leidenschaftlichkeit dieses Aktes stellt auf der geistigen Ebene eine trotz der Todeszäsur nur umso grössere Verhaftung an das Leben dar. Es geht mir nicht darum, über Carlo den Stab zu brechen, vielmehr schreibe ich dies zu meiner Selbstvergewisserung. Wir müssen das Leiden, das Leiden an diesem Leben annehmen, um zur Einsicht in ebendieses Leben, was es ist und was es nicht ist, zu gelangen, und uns solcherart – und davon bin ich überzeugt – aus der Identifikation mit diesem zu lösen und ein Geistiges zu realisieren, das wirklicher als das Leben ist.

Max Rüdlinger


  1. Lieber Max

    Wir kennen uns nicht und trotzdem möchte ich Dir sagen/schreiben, dass mich dieser Text über Carlo Lischetti, den ich übrigens auch nicht persönlich gekannt habe und nur das Buch besitze, das mir von Adrian, einem Berner, geschenkt wurde, sehr berührt hat und ich ihn sehr schön finde in seiner ausführlichen Behutsamkeit. Vielen Dank
    Margrit Linder

    • Violette Moser sagt:

      Lieber Max, Wir kennen uns nur flüchtig und ich kann mich nicht eigentlich erinnern. Dieser Nachruf für Carlo hat bei mir Tränen ausgelöst. Von Carlo habe ich gelernt, dass ich mich auch als Frau daneben benehmen darf, was ich auch immer wieder tat. Nicht so stürmisch und unanständig wie er, aber ich verdanke ihm den Mut den ich brauchte, um einen schon einigermassen berühmten Fotografen für einen Primarlehrer, der drei Jahre wegen Zuhälterei auf dem Torberg einsass, zu verlassen. Wir haben zusammen getrunken und er wiederholte immer wieder, mach was Du willst. Scheiss auf die da draussen. Es ist Dein Leben. Danke Max.
      See you Violette

  2. Arnold Obrecht sagt:

    Lieber Max
    ein wunderbarer Nachruf auf Carlo. Ich lebe seit 20 Jahren in Thailand, als alleinerziehender Vater meiner 13-jaehrigen Tochter. Als ich Carlo 1999 mitteilte, dass ich auswandern werde, sagte er „was willst du denn dort
    ..die verstehen dich doch gar nicht“ Er meinte nicht die Sprache..und hatte auch recht..
    2006 war ich kurz in Bern, und hoerte von seinem Tod. R.I.P. Carlo.
    Traurig. Aber er bekam von dir eine ‚hommage‘ geschenkt, wie ich noch keine gehoert habe. Du hast ihn bis in sein Innerstes verstanden. Chapeau, Max !!

  3. Stephan Lischetti sagt:

    Sehr schöner Nachruf,
    leider durfte ich Carlo nicht persönlich kennen lernen.
    R.I.P Carlo

    Stephan Lischetti

  4. Klaus Geiger sagt:

    Ich habe noch nie so viele Trännen vergossen, wegen herzhaftem Lachen über Carlos kongeniale Einfälle, die „Der Gegenwart“ bei mir auslöste. Zum Leidwesen der Gegenwart dürfen wir hier nun dafür Sorge tragen, das unsere Nachrufe dafür sorgen, dass Barbaras und Carlos Ruf ihene weiter vorauseilen wird. Ein Freude zu sehen wie Barbaras & Carlos Kinder diesem gewaltigen Erbe so liebevoll huldigen. Danke dass Ihr Alle mir ermöglichtet, Barbara und Carlo posthum kennen und zutiefst lieben zu lernen. Klaus

  5. Vor ziemlich vielen Jahren, hatte Barbara Carlo ueberzeugt, mit der Familie in der Toskana Ferien zu machen. Bei uns. In einer der ersten Naechte bin ich aufgewacht wegen eines eigenartigen Geraeusches. Fand dann Carlo vor dem Haus, weinend vor einem grossen Haufen Bruchsteine. Weisst Du, dieser Haufen ist fuer mich das Grab eines Walfisches. Jedesmal wenn ich den sehe werde ich traurig und heute Nacht war es zuviel. Wir haben dann zusammen – mit einem oder mehreren Glaesern Wein – um den Wal getrauert, der da lag. Unvergesslich!!!

  6. ralf sagt:

    Danke für diese wunderbaren Zeilen mit soviel Weisheiten. Ralf

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